Einleitung
Die hier versammelten Beiträge zur Geschichte der Demokratie beginnen im Europa der Frühen Neuzeit und bewegen sich fünf Jahrhunderte bis hin zur Gegenwart um politische Ereignisse, kulturell-ökonomische Dispositionen und geistesgeschichtliche Entwicklungen. Von großen historischen Umwälzungen bis hin zu mikrogeschichtlichen Alltagserzählungen, von Revolutionen und Friedensverträgen, von Ideen, Idealen und Ideologien, von Staatenbildungen und Bürgertum bis zu Zensuswahl und Talkshows. Erzählt wird dabei keine vermeintlich geradlinige und auf wenige Nenner zu bringende Entwicklung der Demokratie. In den Blick gerückt wird vielmehr eine Vielzahl von Perspektiven auf unterschiedliche Aspekte und Ausprägungen von Demokratie. Dabei entfalten sich unterschiedliche Wege durch das weite Feld, das in der Beschäftigung mit der Demokratie durchwandert werden muss.
Die einzelnen Geschichten, die nur einen kleinen Ausschnitt eines umfassenden Themenkomplexes beleuchten können, sind chronologisch nach Jahrhunderten geordnet, können aber auch anders gelesen werden: entlang von Pfaden, die sich um die Begriffe Freiheit, Gleichheit, Partizipation und Gewalt durch die Geschichte der Demokratie bahnen.
Thematisch-inhaltlicher Rahmen
Die moderne Demokratie in Europa unterscheidet sich wesentlich von der antiken Demokratie und den Republiken des späten Mittelalters und ist auf unterschiedliche Weise als Ergebnis von Revolutionen und Kämpfen zwischen sozialen Gruppen und politischen Kräften entstanden. Sie rezipiert antike und republikanische Traditionen, muss sich jedoch auch an Konditionen anpassen, die sich seit dem 17. Jahrhundert grundlegend verändert haben.
Zunächst entstehen im 18. Jahrhundert größere Territorialstaaten, die nicht mehr klein und überschaubar sind wie die der athenischen Polisdemokratien und mittelalterlichen Stadtrepubliken, und so eine direkte Partizipation unmöglich machen.
Auch das Prinzip der Souveränität des Volkes würde als Folge auf den Absolutismus bloß den Monarchen durch den demos ersetzen und dasselbe Machtsystem weiterführen. Durch die Reformation und die dadurch ausgelösten Religions- und Bürgerkriege entwickeln sich die Themen der Toleranz und Religionsfreiheit und die Forderung diese als Grundrechte zu verankern. Die Ideen der Aufklärung durchziehen die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa und prägen sie nachhaltig. So sollen die Grundsätze der Vernunft die neue Grundlage des Staates bilden und die Werte der Gesellschaft durch einen Gesellschaftsvertrag abgesichert werden. Das Entstehen der kommerziell-industriellen Gesellschaft und die Entwicklung des Kapitalismus schaffen ein durch Arbeit und Leistung erworbenes Eigentum, das durch Gesetze gesichert werden soll. Diese Gesetze tragen zur Ausdifferenzierung von Rechtsstaatlichkeit bei. Dabei ist es freilich notwendig den Blick auch aus Europa hinaus auf Entwicklungen zu lenken, die ein ambivalenteres Bild vermitteln können, respektive erst Perspektiven von außen einer einseitigen Betrachtung entgegenwirken. Hier geht es etwa um die Kehrseiten der Moderne, die in Europas Kolonialländern nur allzu deutlich werden und im 20. Jahrhundert die Frage der Demokratisierung neu beleuchten.
Der Begriff der Demokratie als politisches Herrschaftssystem hat sich wellenförmig durch die Geschichte bewegt und wird ebenso vielschichtig benutzt wie vieldeutig rezipiert. Von 1820 bis 1926 entstehen 29 demokratische Staaten, durch Diktaturen etc. reduziert auf 12, in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts sind es wieder 36 und von 1974 bis 1990 vollziehen 30 Staaten den Übergang zur Demokratie, heute gibt es um die 120 weltweit. Es ist also wichtig auch die Epochen darzustellen, in denen die Demokratie vom politischen Parkett verschwindet, in welchem Gewand sie wieder erscheint, welche verbogenen Strukturen wieder- und neu aufgenommen werden. Zentral aber auch ist es, die vielfältigen gesellschaftlichen Sphären, die von demokratischen Idealen durchdrungen werden, zu betrachten, wie etwa die von digitalen Medien geprägten Kommunikationsgemeinschaften.
Die Demokratie ist in der Antike stets mit großer Skepsis betrachtet worden und hat ihre positive Konnotation erst in der Moderne erhalten. Als Befreiung aus feudalen Verhältnissen zur Erkämpfung von Grundrechten der Individuen einer Gesellschaft, die gemeinsam in einem Staat leben, wird sie zur erreichbaren Utopie. Die Problematik, die sich um die Durchsetzung und Vorstellung von Freiheit, Gleichheit, Partizipation und Kontrolle dreht, wird im Lauf der Geschichte noch viele Gesichter annehmen.
Texte zu den Pfadbeschreibungen
Freiheit
Dem Prinzip der Gleichheit und dem der Partizipation und Kontrolle liegt das Ideal der Freiheit des Menschen innerhalb einer Gemeinschaft zugrunde. Freiheit wird hierbei als Befreiung aus Unterdrückungsverhältnissen wie auch als Grundrecht innerhalb von Gesellschaftsverträgen und demnach als Ziel und Mittel menschlichen Zusammenlebens thematisiert. Das Thema Freiheit ist damit ein umfassendes, seine Koordinaten sind einerseits Revolutionen, Widerstand, Befreiungskampf und andererseits Gesellschaftsverträge und die Sicherung der Grundrechte, die immer wieder auch als Einschränkung von Freiheiten erlebt werden.
Gleichheit
Wer darf sich zum Kreis der Gleichen, zur Mehrheit, zum/r NormalbügerIn zählen? Im Laufe der Geschichte wurde diese Frage immer unterschiedlich beantwortet: Hautfarbe, Geschlecht, Besitzverhältnisse, Religionszugehörigkeit, Nationalität markieren dabei nur einige der Differenz- und Ausschlusskriterien. Freiheiten, Handlungsspielräume und Partizipationsmöglichkeiten wurden und werden so unterschiedlich verteilt. Gleichermaßen wird die Konstruktion von Differenz und Gleichheit auch als Mittel eingesetzt, um Massen zu mobilisieren, sie zu steuern. Gleichheit ist damit ein umkämpftes Feld.
Partizipation
Partizipation ist ein vielbeschworener Begriff moderner Demokratien. Die Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Prozessen scheint nicht zuletzt dank digitaler Medien schrankenlos und permanent möglich. Die Voraussetzungen für Partizipation sind jedoch vielfältig, wie etwa Bildung und die Beherrschung von Kulturtechniken. Eine andere Frage ist jene nach dem Gewicht des Individuums innerhalb einer Gemeinschaft, beziehungsweise danach, welchen Einfluss der/die Einzelne tatsächlich in einer Öffentlichkeit, verstanden als Feld von Meinungsbildung und Entscheidungsfindung, haben kann. Dieses kann ebenso durch Machtstrukturen und -institutionen Handlungsmöglichkeiten einschränken und/oder Interessen manipulieren.
Gewalt
Gewalt durchdringt die Geschichte der Demokratie ebenso stark wie das Ideal der Freiheit. Gewalt erscheint zunächst auf zwei, eng miteinander zusammenhängenden Feldern: Das ist zum Einen die Auseinandersetzung mit dem Prinzip der Gewaltenteilung und staatlich-institutionellen Kontrollmechanismen, die die Basis der modernen Demokratie bilden. Zum Anderen bricht (oft physische) Gewalt im Kampf um Freiheit, Gleichest und Partizipation bei Revolutionen, Aufständen und Kriegen aus. Weiters richtet sich die Frage danach, wie viel Gewalt ein Staat gegenüber seinen BürgerInnen ausüben darf, kann, muss oder soll. Zur Disposition steht hierbei die Frage nach dem „Überwachungsstaat“ ebenso wie die nach dem Verfall nationalstaatlicher Einflusssphären im neoliberal-globalisierten Zeitalter. |